Bedrohlicher Artenschwund und massive Waldveränderungen Bezirkskonferenz Naturschutz OWL zieht Bilanz für 2018 – und fordert mehr Anstrengungen für 2019

Für die Natur in Ostwestfalen-Lippe war 2018 ein Jahr mit neuen Klima-Extremen – und für den Naturschutz ein Jahr mit Licht und Schatten. Es gab Fortschritte bei der Renaturierung der Weser, das erste Wolfsgebiet in Westfalen-Lippe und Neuansiedlungen von „Flaggschiff-Arten“ wie Seeadler, Blaukehlchen, Fischotter oder Biber in OWL. Dem gegenüber stehen weiterer Flächenverbrauch durch Siedlung, Gewerbe oder Straßen, Artenverarmung durch Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft und nun das vermehrte Ausbringen risikoreicher Baumexoten im Wald. Karsten Otte, Sprecher der Bezirkskonferenz Naturschutz OWL, zieht eine durchwachsene Bilanz und fordert für 2019 endlich deutlich mehr konsequente Umsetzung für den Naturschutz.

Das große Ziel Nationalpark Senne ist zunächst verschoben worden. Der dortige Truppenübungsplatz wurde, nachdem 20 Jahre lang der Abzug der britischen Truppen angekündigt worden war, im Juli 2018 für weitere fünf Jahre in Diensten des Vereinigten Königreichs belassen. „Wir sehen es als Übergangszeit an hin zu einer hoffentlich wieder friedensorientierten und verlässlichen militärischen Lage in Europa“, so Karsten Otte: „Das Ziel Nationalpark bleibt bestehen.“ Hoffnungsvoll stimmen Aussagen der Briten, die Verpflichtungen aus dem FFH- und Vogelschutzgebiet weiter zu gewährleisten. Entscheidend dafür ist ein ausreichendes Budget für die Pflege der Offenlandbiotope.

Erfreulich ist die rasche Reaktion des NRW-Umweltministeriums auf die Ansiedlung von mindestens einem Wolf auf dem Truppenübungsplatz Senne. Die Ausweisung des sog. Wolfsgebiets ermöglicht es Weidetierhaltern Vorbeugemaßnahmen gegen Übergriffe zu treffen und Unterstützung vom Land zu erhalten. Sollte es zu Verlusten durch Wolfsrisse kommen, erwartet Otte schnelle, angemessene und unbürokratische Regulierung der Schäden: „Wir benötigen extensive Weidetierhaltung für die Offenland-Lebensräume auf Magerrasen und Mooren. Wir können aber nicht zulassen, dass in einer nur emotional geführten Debatte der Wolf etwa gegen die Orchideen ausgespielt wird.“

Die Lage an den Fließgewässern ist größtenteils unbefriedigend. OWL ist meilenweit vom Ziel der EU-Wasserrahmenrichtlinie entfernt, alle Gewässer in einen „guten ökologischen Zustand“ zu bringen, was schon bis Ende 2015 hätte geschehen müssen. „Wenn die Bach- und Flussrenaturierung in diesem Schneckentempo weitergeht, wird bis zur Zielmarke 2027 viel zu wenig passieren“, mahnt der Sprecher der Bezirkskonferenz Naturschutz. Optimistisch dagegen hat sich die Lage an der Weser entwickelt, wo eine länderübergreifende Initiative Bundesmittel aus dem „Blauen Band“ für Flussrenaturierung und Steigerung des Erholungswertes akquirieren will. Ein entsprechendes Projekt zur Regionale 2022 wurde zudem von den vier Anlieger-Kreisen auf NRW-Seite in Gang gesetzt.

Große Sorgen bereitet Naturschützern der bedrohliche Artenschwund in OWL. Karsten Otte: „Wo vor 30, 40 Jahren im Frühling unzählige Feldlerchen Konzerte anstimmten, sinken nun die Bestände ins Bodenlose. Es herrscht ein stummer Frühling. Manche Orte in OWL sind praktisch Feldlerchen-frei!“ Hintergrund des Aussterbens von Feldlerche, Kiebitz, Wachtel und vieler Insektenarten ist eine zu äußerster Effizienz getriebene Landwirtschaft. „Daran tragen Politik, Handel und Verbraucher Mitschuld, denn Billigangebote in Supermärkten werden vielfach durch Raubbau an der Natur und auf dem Rücken der auf dem Land Arbeitenden erzeugt. Wir brauchen eine Agrarwende hin zu mehr ökologisch orientiertem Landbau und auskömmlichen Agrarpreisen!“ Erste Kontakte für ein Regionale-Projekt mit dem landwirtschaftlichen Bezirksverband hat es gegeben.

Artenschwund entsteht aber auch durch fortgesetzten Flächenfraß in OWL. Beispiele dafür sind die Straßenbauprojekte A30 oder A33 sowie ausufernde Gewerbegebiete. Auch 2018 setzte sich die Landnahme ungehindert fort.

Klimawandelextreme wie Sturm Friederike Anfang 2018 und die Dürre im Sommer und Herbst führten zu massiven Veränderungen im Wald. Vor allem flach wurzelnde Fichten wurden geschwächt, um dann Opfer der sich rasant vermehrenden Borkenkäfer zu werden. „Eine Forstwirtschafts-Katastrophe mit Ansage, keine Katastrophe des Waldes“, so Otte. „Der Wald regeneriert sich angepasst, wenn man ihn lässt. Seit Jahrzehnten warnen Vegetationskundler, Naturschützer und kritische Forstleute vor Fichten-Monokulturen. Wir sollten nun Windwurf- und Käfer-Flächen als Chance begreifen, standortangepasste Laub- oder Mischwälder zu etablieren.“ Kritisch sehen Naturschützer Pläne der Forstwirtschaft, in großem Stil Exoten wie Douglasie, Mammutbaum oder koreanische Sicheltanne anzupflanzen. Die Arten sind in unseren komplexen Waldökosystemen nicht ausreichend angepasst. Die Folgen (etwa der Einzug invasiver Arten) sind unabsehbar und wahrscheinlich katastrophal.

Die Bezirkskonferenz Naturschutz fordert für 2019 endlich mehr Aufmerksamkeit für die zu bewahrende Biodiversität in OWL und mehr Konsequenz in der Umsetzung. Der ausufernde Flächenverbrauch muss stoppen, die Renaturierung der Gewässer schneller vorangehen, Landwirtschaft nachhaltiger werden. Otte: „Kulturlandschaft ist ein kostbares Gut, das auch unsere Kinder und Enkel noch erleben wollen. Es ist vielen nicht klar, dass wir sie zerstören, wenn wir so weitermachen.“

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